Ingolf Barhocker

Osterholz-Scharmbeck. Geschichte wiederholt sich nicht. Manche ihrer Episoden aber werden – wohl gerade deshalb – wieder und wieder erzählt: Sie sind ein wärmendes Lagerfeuer, um das herum sich auch weniger sentimentale Gemüter gern versammeln. Stagges Hotel verkörpert so einen geschichtsträchtigen Fall. Neun Jahre nach dem Rückzug von Gastwirt Fritz Stagge lädt ein Fanclub aus früheren Mitarbeitern und Stammgästen übers Internet zum Wiedersehen ein.

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Neubürger und Nachgeborene kennen es allenfalls vom Hörensagen: Was heute „Stagges Wirtshaus am Markt“ heißt, das war von 1964 an für rund vier Jahrzehnte eine legendäre Land-Disco: Stagges Hotel. Eher ein Jugendtreff mit Tresen und Tanzfläche, denn ein moderner Gastronomiebetrieb. Ein mit den Jahren angeschmuddelter Schuppen, vor dem die Eltern ihre Kinder warnten: Ziviler Ungehorsam, zivile Preise, etwas verrucht und stark verraucht. Scharmbecker Sammelbecken der Freigeister und Friedensbewegten.

So hatte man es sich links von der Mitte immer vorgestellt: Hand-, Kopf- und Lieber-gar-nicht-Arbeiter Seit’ an Seit’. Ralf Sußner sagt das mit ironischem Grinsen, doch dem diplomierten Sozialarbeiter ist es ernst: „Vom Ambiente her passt ein Stagge-Club-Abend heute einfach viel besser ins Kuz als ins Wirtshaus am Markt.“ Am 12. April wollen er und seine Mitstreiter – sie gehen inzwischen stramm auf die 50 zu – die alten Zeiten wieder aufleben lassen: ab 19 Uhr im Kulturzentrum Kleinbahnhof.

Weit mehr als 15 Jahre lang hat Sußner seit den Achtzigerjahren als Tresenkraft und Discjockey bei Fritz und Heidi Stagge gejobbt, bis sich die Wirtsleute zum Ruhestand in den Harz zurückzogen. Das ist nun auch schon wieder neun Jahre her, erinnert sich Alexandra Preißing, die gut zehn Jahre lang abwechselnd mal am Tresen gezapft oder am Eingang kassiert hatte. Jahrzehntelang führte man es selbstbewusst im Schilde: „Wir sind nicht im Ritz, sondern bei Fritz!“

Das Original-Wahrzeichen und die alte Registrierkasse, die alten Barhocker und etliche Deko-Elemente aus der Zeit vor der großen Stagge-Renovierung von 2001 sollen nun für den 12. April wieder rausgekramt werden. Einen Teil der Reliquien, erzählt Sußner, habe sich Reinhold Martin gesichert, den alle nur Poldi nennen. Ralf Lübbert und Alexandra Preißing sowie Heiko Freese und Christoph Wuppenhaas hatten mit Sußner, Poldi und einigen weiteren Unentwegten von 2006 bis 2011 monatliche Revival-Abende veranstaltet – seinerzeit noch an alter Wirkungsstätte.

„Ganz ohne geht’s nicht“

Seither war Ruhe – bis auf eine Ausnahme: Nachdem die Stagge-Veteranen im Januar bei einem ersten Club-Treffen im Kuz beinahe überrannt wurden, wird nun nachgelegt. Die Stammgäste von einst bringen wohl ihre teils längst erwachsenen Kinder mit und reisen teils von weit her an. „So ganz ohne geht’s ja doch nicht,“ heißt dazu der lapidare Eintrag im Internet-Auftritt Media „Es wird voll, laut und eng“, da sind die vernetzten Partymacher sicher. Die steigende Anzahl der Klicks in den vergangenen Tagen sei ein klares Indiz. Im Vorprogramm wird dieses Mal Rudi Morgenstern auf der Gitarre spielen – ein Singer/Songwriter mit Hang zu Blues und Rock. Mit diesen Genres ist zugleich auch das weitere Programm des Abends im Groben skizziert; wobei DJ Ralf Wert darauf legt, nicht nur Klassiker zu spielen, sondern auch Zeitgenössisches einzustreuen wie etwa Daft Punk und Pharrell Williams – nur eben „Stücke im Stil von Stagge“.

Sußner erklärt: „Stagges hat ja immer auch von den jungen Leuten gelebt, nicht nur von der Vergangenheit.“ Es gab eine durchaus breite Mischung der Altersgruppen und Musikstile. Was demgegenüber heute vor allem fehle, seien Kneipen mit Preisen, die sich auch Schüler und Studenten leisten können, findet er. Alexandra Preißing nickt: „Mit der Euro-Umstellung wurde es schwieriger.“ Als sie 18 war, nahm eine Freundin aus Bremen sie erstmals mit zu Stagges. „Das war damals ja über die Kreis-Grenzen hinaus bekannt.“ Drei Jahre später zog die heute 47-Jährige nach Axstedt; seinerzeit kam ihr der Disco-Job gerade recht. Inzwischen verdient Preißing als Lehrerin an der Grundschule in Uthlede ihre Brötchen.

Ralf Lübbert, ebenfalls 47 und im bürgerlichen Leben heute Elektromeister, beschreibt den Reiz des Besonderen besonders unspektakulär: „Man konnte seine Leute zu jeder Tages- und Nachtzeit antreffen: Es war immer einer da, den man vollquatschen konnte oder von dem man lustige Geschichten zu hören bekam.“ Nicht selten fuhr ein Häuflein Aufrechter nach dem frühmorgendlichen Kehraus noch nach Bremen oder Hamburg zum Weiterfeiern, einmal auch spontan auf ’nen Kaffee nach Berlin. „Damals stand die Mauer noch und eine EC-Karte hatte keiner von uns“, sinniert Lübbert, um dann den Blick wieder nach vorne zu richten. Für das Wiedersehen am Sonnabend in einer Woche sollen Nostalgie-T-Shirts aufgelegt werden, erzählt er. Auch „Türsteher-Elvis“ habe schon zugesagt, heißt es, und es werde eine Mockturtle-Suppe geben. Weitere Club-Specials für die kommenden Monate sind ebenfalls bereits in Planung, darunter ein Soul-All-Nighter am 14. Juni mit Funk-, Reggae- und Disco-Einsprengseln sowie ein neuerliches Revival am 12. Juli.

Der Stagge-Club-Abend im Kuz beginnt am Sonnabend, 12. April, um 19 Uhr, der Eintritt kostet drei Euro, mit Club-Karte 2,50 Euro.

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