Barhocker Bauhaus

Kloster Lehnin. Karsten Konrad ist auch Mitinhaber einer Kneipe, für ihn als Künstler ist das ein gut funktionierendes Geschäftsmodell: Die Kneipe erdet ihn, sie finanziert ihn und im besten Falle liefert sie ihm Material für seine Kunst. Neulich ging ein Barhocker zu Bruch, ein Gast warf ihn entschieden angetrunken durch die Kneipenscheibe. Konrad, 53 Jahre alt, ist niemand, den das aus dem Tritt brächte, denn der zerstörte Stuhl war ein willkommener Rohstoff für die Kunst, die er am Klostersee von Kloster Lehnin (Potsdam-Mittelmark) ausstellt.

Barhocker Bauhaus

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Der Klostersee ist eine weitestgehend kneipenfreie Gegend, die Galerie wirkt nüchtern, ihre klaren Formen predigen die strengen Formen, auf die man vor gut 100 Jahren in der Zeit des Bauhaus’ setzte. Der Kneipenstuhl ist nun verarbeitet zu einer Plastik, die man mit Fantasie als Aufbau eines etwas außer Form geratenen Atommodells interpretieren kann. Silberne Füße von Stühlen und Tischen formen sich zu einem großen Knoten, brusthoch reicht die Skulptur. Karsten Konrad nennt sich Bildhauer, räumt aber ein, dass er für das Behauen von Steinen „zu ungeduldig“ sei, und darum lieber Plastiken erschafft, weil die aus dem Moment geboren werden.

Er sagt, er kaufe das Material für seine Arbeit nicht gerne. Er suche es nicht gerne. Er finde es lieber. Sein Atelier in Berlin gleicht einem Flohmarkt, er wirft nicht gerne weg, er guckt, dass auch aus Abfall oder Krumen noch etwas zu formen ist. „Ich schenke den Dingen ein zweites Leben“, erklärt Karsten Konrad.

Manchmal geht er zum Schrotthändler, „zwei Euro pro Kilo“ kostet das Metall, finanziell gesehen ist das keine große Last, sondern deutlich billiger als jenes Material, das man etwa als Maler braucht. „Ein Maler gibt für seine Leinwand ja schon einen Haufen Geld aus“, sagt Karsten Konrad – den Sinn seiner Arbeit sieht er darin, „Räume zu beleben“.

In der Galerie am Klostersee steht sein massive Werk „Ansa Lehnin“, Ansa heißt auf Finnisch Falltür. Das Ensemble aus der Stoßstange eines VW-Käfers, einem Sofatisch und silbernem Plattencover hat nie in Finnland gestanden, doch bei einer Ausstellung kam er darüber mal mit einem finnischen Kurator ins Gespräch, so ergab sich die Volte in die Fremdsprache. 20 000 Euro kostet das Stück, rechts und links flankiert von schmalen, hölzernen Lamellen in schwarz, mal matt lackiert, mal glänzend. „Das war mal ein Schlafzimmerschrank, ergänzt mit Holzscheiten, die ich aus der Resterampe eines Baumarkts habe.“

Karsten Konrad wurde 1962 in Würzburg geboren, er studierte Kunst in Berlin und London und trat Professuren in Berlin und Hangzhou (China) an.

Die Galerie am Klostersee ist Teil des Instituts für Kunst und Kultur e.V., das am östlichen Ufer des Klostersees seit den 90er Jahren entstand und neben der Galerie einen Skulpturenpark schuf, ein Café, Ateliers sowie ein Gästehaus für Künstler und Workshops.

Die Ausstellung von Karsten Konrad läuft bis 4. Mai, Di-So 11-18 Uhr. Am Klostersee 12b, Kloster Lehnin.

Konrads Materialerwerb ist vom Zufall geleitet, manchmal fügt sich das Ensemble zum Glamour. „Ansa Lehnin“ etwa atmet den überzogenen Prunk der 70er Jahre und der Playboy-Villa von Hugh Heffner. Es liegt etwas Weltläufiges im Werk, das Konrad gerne mit dem Biedermeier bricht.

Karsten Konrad kann sich sehr gekonnt in Rage reden, wenn man ihm mit Ikea kommt. Generell bringt ihn das aus der Ruhe, wenn man von Spanplatten erzählt, schon handwerklich betrachtet ist das für ihn minderwertig. Wenn Spannplatte, dann zu den eigenen Bedingungen: Konrad hat diese Platten zersägt, fünf Millimeter breit, ihre Farben zu Mustern geordnet, im Kreis sortiert und daraus, wenn man das kulinarisch deuten möchte, eine bunte Pizza geordnet. Jedes Hölzchen fügt sich. Es ist der komprimierte Rest aus anderen Arbeiten, den er verwertet hat. Handwerk vereinigt sich mit hohem Sinn für Schönheit und der Erkenntnis: Wiederverwertung ist belebend, sie weiß mehr zu erzählen als fabrikneue und seelenlose Oberflächen.

 

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